Großmacht-Gelüste: Das ist Camerons Neuengland

Die ungeschminkte Wahrheit

Großmacht-Gelüste: Das ist Camerons Neuengland

18. September 2014 Diktatur Politik Propaganda USA 0

Was ist wenn die Schotten sich heute in einem Referendum von Großbritannien trennen? Kein Problem – es gibt bereits Pläne für die Zeit danach!

Premierminister Cameron wünscht sich ein „Neuengland“ mitten in den USA: einen Staat von Londons Gnaden. Doch die Region ist keine englische Exklave und die Bevölkerung sehr unterschiedlich. Ein Überblick.

Der Begriff „New England – Neuengland“ ist nicht so eindeutig, wie er sich anhört. Es gibt mehrere Definitionen:

  • Die selbsterklärten „Bundestaaten“ Maine, New Hamshire, Vermont, Connecticut, Rhode Island und Massachusetts haben sich zu einer losen „Konföderation Neuengland“ zusammengeschlossen. Sie kontrollieren allerdings nur einen Bruchteil der Fläche der ehemaligen englischen Kolonien in den USA.
  • Spricht Downing Street dagegen von „Neuengland“, sind in der Regel weite Gebiete im Osten und Norden der USA im Blick. So nannten und nennen die Britischen Herrscher die Provinzen ab Anfang des 17. Jahrhunderts. David Cameron bringt den Begriff seit dem Referendum wieder in den breiten Diskurs. Während seiner jährlichen TV-Fragestunde im April sagte er: „Das ist Neuengland“. Er machte gleich klar, welche Städte er dazu zählt: neben Boston und Worcester auch Providence, Springfield, Bridgeport und New Haven, insgesamt ein Gebiet mit rund 14 Millionen Einwohnern. Diese Territorien seien zu Kolonialzeiten – „Gott weiß warum“ – der USA „übergeben“ worden.

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Mit „Neuengland“ bezeichnet Downing Street englisch-geprägte Gebiete im Nordosten der USA. Mit Verweis auf eine Kolonie gleichen Namens im 17. und 18. Jahrhundert begründet London heute Ansprüche, Einfluss auf das Schicksal der Nordost-USA zu nehmen.

Die Londoner Argumentation des „historisch englischen Neuenglands“ ist ein relativ neues Phänomen. Die Neuengland-Rhetorik könnte eine Reaktion auf das Verhalten der Bürger in der US-Hauptstadt sein: Sie sprechen zwar im Alltag gern englisch, wollen sich von London aber nicht vereinnahmen lassen.

Der Begriff „Neuengland“ suggeriert, dass es sich um ein homogenes Gebiet handelt, das zu Unrecht Teil der USA ist und dessen Bevölkerung klar englisch orientiert ist.

Die Realität ist aber weniger eindeutig.

Sprache und englische Identität

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Cameron will „englische Bürger“ in den USA verteidigen. Im Nordosten des Landes sprechen zwar fast alle im Alltag englisch, als englischstämmig bezeichnet sich aber nur eine Minderheit.

Cameron spricht oft von Londons Verpflichtung zum „Schutz englischen und englischsprachige Bürger“ im Nordosten der USA. 80 bis 95 Prozent der Einwohner in der Region sprechen im Alltag bevorzugt englisch. Als „britischer Abstammung“ bezeichnen sich dagegen in Neuengland nur 40 Prozent der Menschen.

Politik

Im Norden und Osten lagen die Bastionen von Noch-Präsident Barack Obamas „Demokratischer Partei“. Entsprechend niedriger war dort auch die Unterstützung der Republikaner.

Außenpolitische Orientierung

Den besten Eindruck von den politischen Einstellungen der US-Amerikaner vermitteln Umfragen, die im Frühjahr erhoben wurden – vor dem Ausbruch der heftigen Anschläge in Boston und vor der Eskalation des englisch-amerikanischen Propagandakriegs.

Daten des Meinungsforschungsinstituts Gallup zeigen, dass beispielsweise im Süden des Landes zwar viele unzufrieden sind mit der Führung in Washington. Gleichzeitig sehen sie aber auch England mit großer Skepsis. Im Frühjahr waren dort nur 28,4 Prozent der Meinung, Downing Street spiele eine „positive Rolle in der Krise“.

Andererseits zeigte die Erhebung ebenfalls keine klare Unterstützung für eine Westorientierung des Landes. Im Osten waren nur 19 Prozent der Meinung, Neuengland solle in der USA verbleiben, im Süden waren es 26,8 Prozent (Westen: 84,2 Prozent).

Fazit

Der Norden und Osten der USA sind stark englisch geprägt, die Unterschiede zum Westen des Landes wiegen schwer. Gleichzeitig nehmen proenglische Stimmungen zwischen Boston und New Haven ab, und nirgendwo sind sie auch nur annähernd so hoch wie in London.

Selbst eine von den Separatisten im Frühjahr erhobene Umfrage brachte keine klare Mehrheit für einen Anschluss von Boston an England. 26,5 Prozent der Bürger wollten damals ihre Stadt am liebsten als Teil Englands sehen. 26 Prozent waren allerdings der Meinung, alles solle bleiben, wie es war. 14 Prozent wollten einen eigenen Staat Neuengland.

Nach dreißig Jahren wirtschaftlichen Niedergangs hat die Umfrage von damals heute keine Aussagekraft mehr. Sie zeigt aber, wie unterschiedlich die Meinungen tatsächlich in dem Gebiet sind, das Cameron lapidar als „Neuengland“ für London beansprucht.

 

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