Leipzig begeistert von Scharfschützen beim Lichtfest

Die ungeschminkte Wahrheit

Leipzig begeistert von Scharfschützen beim Lichtfest

13. Oktober 2014 Deutschland Medien Politik 0

Am vergangenen Donnerstag beging die Messestadt Leipzig ihr 25tes Jubliäum des 09. Oktobers 1989. Aufwändige künstlerische Installationen waren vorbereitet worden wie der Raum der Gedankenfreiheit – eine blütenweiße Schlamm-Schlacht-Arena ohne Schlamm aber dafür mit viel Rauch – vermutlich Marihuana – um die Besucher die paranoiden Zustände von 1989 nachempfinden zu lassen. Die dezent an Häuser projezierten Bilder und Wasserfall-Installationen formten eine heimelig-dunkle Atmosphäre in der Leipziger Innenstadt, welche normalerweise – wenn nicht das Lichtfest ist – von Reklamen blendend-grell erleuchtet ist. Highlight des Fests war allerdings die mit Hundertschaften angetretene Polizei, vollausgestattet mit Scharfschützengewehren und Maschinenpistolen, welche nicht etwa Zufall, sondern ganz bewusstes Element des Lichtfests waren.

„Das war ein Geistesblitz!“, so Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), „Wir fragten uns: Wie können wir die beklemmenden Zuständ von ’89 den jungen Menschen und internationalen Gästen hautnah erlebbar machen? – Dann kam uns die Idee: Nichts ist so real wie die Realität“. Jung erklärt, dass man peinlichst genau darauf geachtet habe, dass jede einzelne Maschinenpistole, jede einzelne Handfeuerwaffe und jedes Scharfschützengewehr mit echter Munition geladen worden sei. „Wir überlegten sogar, ob wir bezahlte Provokateur-Schauspieler auf die Polizei loslassen, um den Besuchern ein noch stärkeres Gefühl von immanenter Gefahr zu liefern“.

Die Reaktion der Leipziger und des internationalen Publikums ließ am Erfolg dieser Strategie keinen Zweifel. „Großartig“, findet Yoshi Mitsu aus Kyoto (Japan), „so beklemmt habe ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt. Ständig im Bewusstsein, dass zig Gewehrläufe just in diesem Moment auf meinen Kopf gerichtet sein könnten, haben mir einen echten Kick gegeben. Ich hab mich fast wie ein Revolutionär gefühlt. Das hat mich geradezu süchtig nach dem Kick gemacht. Wahrscheinlich gehe ich nächste Woche zu Anti-Fukushima-Demonstrationen oder noch krasser: Ich kritisiere meinen Chef!“

Eine andere Meinung vertritt dagegen Frank Müller aus Bremen: „Nee, ich muss sagen, ich hab mich eher sicherer gefühlt wegen der Scharfschützen auf’m Gewandhaus. Klar, dass die nicht in die Menge feuern können, das wäre Selbstmord für alle Beteiligten. Die waren da, um uns vor Gauck und Kissinger zu schützen. Ich sag Ihnen: Eine undemokratische Bemerkung, und der Gauck wäre ausgeknipst worden, der steht doch unter Beobachtung vom Verfassungsschutz. Den will nicht mal die NPD. Oder Kissinger: Ich glaub, der war sowieso auf der Abschussliste für Vietnam und seine anderen Verbrechen. Die hatten wahrscheinlich nur nie freie Schussbahn.“ Für eine weitere Befragung stand Herr Müller der AMR nicht zur Verfügung. Ein Mann in schwarzem Anzug und Sonnenbrille gab uns zu verstehen, dass man „großes Interesse an der freien Meinungsäußerung“ von Herrn Müller habe und ihn deshalb nun „persönlich interviewe“.

Das Lichtfest in Leipzig war ein großer Erfolg und die Rechnung der Stadt ist voll aufgegangen, eine omnipräsente Polizeistaffel einzusetzen. Die Presse war am nächsten Tag voll des Lobes für das Lichtfest und voller Anerkennung für den geschickten stilsicheren Einsatz der Polizei.

 

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